Eine «bildungsferne» Professorin

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In der Rubrik Bildung des Politblogs geht es um aktuelle Themen der Bildungspolitik. Autoren sind Andreas Pfister (Leitung), Philipp Sarasin, Patrik Schellenbauer und verschiedene Gäste.

Ich bin ein Arbeiterkind. Mein Vater war Sattler und Tapezierer, meine Mutter arbeitete vor allem im Service. Heute wäre ich ein «bildungsfernes» Kind. Als bildungsfern gilt in den Pisa-Studien, wenn die Familie nur wenige Meter Bücher besitzt, das Kind kein eigenes Zimmer und keinen eigenen Schreibtisch hat, die Eltern nur bescheiden ausgebildet sind und mit dem Nachwuchs selten oder nie Bibliotheken besuchen. Dies alles trifft für meine Kindheit zu.

Darunter, dass ich ein Kind aus «einfachen Verhältnissen» war, habe ich lange gelitten. Denn ich interessierte mich schon als kleines Mädchen enorm für Zahlen und alles, was mit Wissen zusammenhängt. Mein Vater brachte mir das Jassen bei und damit auch das Kopfrechnen. Noch heute kann ich an einer Migros-Kasse fast schneller den Betrag der Waren zusammenrechnen, als die Kassiererin die Artikel einscannt.

Doch in der Schule war ich das Kind eines «Büezers». Heute bin ich überzeugt, dass meine grosse Prüfungsangst mit dieser Etikettierung zu tun hatte. Man braucht nicht Hellseher zu sein, um sich vorzustellen, wie es mit mir weiterging. Von einem Kind aus einem solchen Milieu, das zudem sehr ängstlich ist, erwartet man nicht viel. Ich blieb ein «bildungsfernes Kind» mit wenig Potenzial, jahrelang.

Weder die Anzahl Schuljahre noch die Lohntüte der Eltern sagen etwas aus darüber, wie gebildet jemand ist.

(Keystone)

Stigmatisierung: Arbeiterkinder sollen weniger Anrecht auf Schulerfolg haben? (Keystone)

Aber ich hatte grosses Glück, dreimal. Glück Nummer I war, dass ich die Aufnahmeprüfung an die Bezirksschule mit Ach und Krach bestand. Glück Nummer II war mir im Lehrerseminar beschieden. Wir hatten einen jungen Deutschlehrer, der fasziniert vom Beruf meines Vaters als «Sattler und Tapezierer» war, und er glaubte daran, dass ich mehr leisten könnte. Deshalb forderte er mehr von mir. Und, weil ich ihm gefallen wollte, fand er auch Gehör. Schnell gehörte ich zum vorderen Drittel der Klasse. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich mich als eine Person, welche das Zeug zur guten Schülerin hatte, und das blieb ich von da an. Glück Nummer III kam dann in Form eines Hochschullehrers auf mich zu, der mich ermunterte, als fast 50-jährige Frau zu habilitieren. Diese zufällige Begegnung hat mich zu meiner späteren Professur geführt. Heute weiss ich, dass Glück und Zufall wichtige Grössen sind.

Meine Biografie zeigt, wie sehr Lehrkräfte Schlüsselpersonen für junge Menschen sein können. Wenn sie diese in der Überzeugung unterstützen, trotz der «Bildungsferne» ein Anrecht auf Schulerfolg haben zu dürfen, können sie Berge versetzen.

Deshalb sollten wir den Begriff «Bildungsferne» aus unserem Vokabular verbannen. Denn «bildungsfern» meint eigentlich, «ungebildet» zu sein. Das ist vollkommen falsch. Viele Kinder sind gar nicht «bildungsfern», sondern nur «bildungssystemfern». Weder die Anzahl Schuljahre noch die Lohntüte der Eltern sagen etwas aus darüber, wie gebildet jemand ist. Aber Begriffe wie «bildungsfern» oder «bildungsnah» stigmatisieren und lenken Einstellungen. Und aus der Forschung wissen wir, dass sich Lehrkräfte ein Urteil über einen Schüler nach den ersten 14 Tagen gebildet haben und es dann kaum mehr revidieren.

59 commentaires sur «Eine «bildungsferne» Professorin»

  • Anneliese Hofer dit :

    Ich könnte diesen artikel unterschreiben.nur etwas fehlte mir noch.bildung besonders für Mädchen war bis vor kurzem noch eine frage des wohnortkantons.der Spruch Mädchen heiraten ja doch habe ich kürzlich wieder gehört,das hat mich riesig geärgert.

  • Ralf Schrader dit :

    ‘Bildungsferne’ ist wirklich ein dummer Begriff aus der Welt der politischen Korrektheit. Allerdings meint man damit nicht die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht, sondern einfach nur mangelnde Bildung und falsche Bildung. Dieses Phänomen geht zunehmend über alle Schichten und hat auch damit zu tun, dass es immer mehr Quellen der Fehlverbildung gibt. Nicht zuletzt im Bereich der Medien.

    Wer hat schon eine über das Triviale hinausgehende politische Bildung? Kaum jemand. Gleiches im Bereich Gesundheit/ Krankheit. Beides bekommt man täglich in den Medien, in Artikeln wie Kommentaren zu lesen

    • Pauli Ernesto dit :

      Nein Herr Schrader
      Bildungsfern…diente und dient dazu, Leute die nicht nach Gutmenschenart tickten, gar Regime samt Vasallen und Lügenpressesumpf zu kritisieren wagen; Vetternwirtschaft Korruption und Polit-/Justiz-/Verwaltungs-/Medienfilz beim Namen nennen,..in die Nähe von Rassisten und Nazis zu drängen.
      Betrachtet man, was sich in dieser Bananenrepublik selber, als intelligent weltoffen urban demokratisch und vor allem « ANSTÄNDIG » bezeichnet….
      Aber wir sind es uns ja gewohnt, dass sich Linksextrem und Gute und Nette in deren Schlepptau, gerne mit netten Mäntelchen tarnen; DDR, VR Korea

      • Jürg Schneeberger dit :

        Sehr gut Herr Pauli Ernesto.
        Ihre Erläuterungen decken sich vollumfänglich mit meinen Erfahrungen.

        • Flori Antha dit :

          Es gibt einen recht robusten korrelativen Zusammenhang zwischen tiefer Bildung (im Sinne von Schulbildung) auf der einen Seite und Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, autoritären Einstellungen usw auf der anderen Seite. Was soll daran pollitisch korrekt sein?

          • Blanche Wu dit :

            @Antha: und wie erklären sie sich von gebildeten Menschen, den Hass auf eigene Landsleute? Dies fällt mir oft in linken Kreisen auf, dass man sich für die Schweizer schämt, dass man sich für das Elternhaus schämt und dass man nur Freude hat wenn man mit fremden Kulturen zusammen kommt. Woher kommt dann diese Feindlichkeit? Diese Feindlichkeit stelle ich bei Arbeitern weniger fest.

          • Martin Frey dit :

            Wo genau sehen Sie welchen korrelativen Zusammenhang, Flori Antha? Können Sie das näher erläutern?

          • Flori Antha dit :

            @Frey: Ihre Frage verstehe ich nicht. Um welchen korrelativen Zusammenhang es geht, steht doch recht eindeutig da: Bildung einerseits, fremdenfeindliche und ähnliche Einstellungen andererseits. Wo ist jetzt noch die Frage.
            @Wu: Ja, der Nationalimus korreliert in der Regel negativ mit Bildung. Von Hass habe ich da aber noch nie etwas gespürt. Es ist ja ganz erfreulich, dass nicht alle die Schweizer Grossmachtphantasien mancher Zeitgenossen teilen.

          • Martin Frey dit :

            Mit anderen Worten, Sie behaupten, dass hochgebildete Leute gefeit sind vor Fremdenhass, Rassismus, Antisemitismus, nihilistischer Verachtung gegenüber anderen Menschen usw.? Und dies Kraft ihrer Bildung?
            Ich bin da völlig anderer Ansicht, Flori Antha. Aber Sie können Ihre These gerne mit Daten belegen oder sonstwie plausibel machen. Ich lerne gerne dazu.

          • Sportpapi dit :

            @Martin Frey: Das sind nicht andere Worte, sondern eine unzulässige Überspitzung. Wollen Sie die behauptete Korrelation wirklich bestreiten?

          • Martin Frey dit :

            Für einmal mache ich mich der Ueberspitzung schuldig, SP…
            Ich wehre mich einfach gegen die pauschale Abqualifizierung der etwas Bildungsferneren. Natürlich gibt es Untersuchungen die zeigen, dass autoritäre, antisemitische, fremdenfeindliche und rechtsextremistische Einstellungen mit der Höhe des Bildungsniveaus tendentiell abnehmen. Dass eine gute Bildung generell vor Vorurteilen und Fremdenhass „schützt“ ist allerdings nur bedingt richtig.Andere Untersuchungsergebnisse haben nämlich auch gezeigt, dass gerade Akademiker sehr empfänglich sind für Antisemitismus wie auch polit. Extremismus.

          • Martin Frey dit :

            Und dass dass die sonst hohe Toleranz von Bewohnern der „besseren Viertel“ mit einer sogenannten „guten Adresse“ schwindet, wenn sie selbst betroffen sind, ist aus verschiedenen Ländern bekannt. Last but not least sind viele Köpfe extremistischer Organisationen oft gebildete bis hochgebildete Leute die gemäss ihrer Biographie weder privat noch sozial unterprivilegiert waren.

          • Sportpapi dit :

            @Martin Frey: Sie verstehen doch etwas von Statistik. Entsprechend ist es unzulässig, aus einer behaupteten robusten Korrelation auf eine pauschale Abqualifizierung zu schliessen. Oder muss dann immer darauf hingewiesen werden, dass dies für den Einzelfall keine Bedeutung haben muss?
            Zu den anderen Themen: Vermutlich muss zwischen « Köpfen » und Mitläufern unterschieden werden. Ich kann auch kaum glauben, dass intelligente Leader wirklich glauben, was sie da für Unsinn von sich geben. Und offenbar ist Fremdenfeindlichkeit vielfach da am grössten, wo es kaum Fremde hat.

      • Christoph Bögli dit :

        Solch ein konfuses, selbstbemitleidendes Verschwörungsopfer-Weltbild erinnert dankenswerterweise daran, dass in manchen Fällen die Bezeichnung « bildungsfern » leider durchaus angebracht ist. Zumindest als Euphemismus für Leute, die sich in undifferenzierten, unkritischen Unsinn verrannt haben.

        Übrigens, als Rassist wird man nicht bezeichnet, weil man Korruption kritisiert, sondern weil man sich rassistisch äussert. So einfach ist das. Ich kritisiere die Regierung, Parteien, die Wirtschaft, etc. ständig, deswegen wäre aber noch nie jemand auf die Idee gekommen, mir Rassismus vorzuwerfen..

  • Herbert Reiter dit :

    Ich habe den Begriff immer so verstanden, wie Frau Stamm das im ersten Abschnitt beschreibt – nicht mehr und nicht weniger. Es sagt nichts über die Intelligenz des Kindes aus, sonder nur, dass es möglicherweise von Haus aus nicht die selbe Förderung erfahren hat, wie bildungsnahe Kinder. Gute Lehrpersonen können dem Rechnung tragen und das Kind dann entsprechend fördern.

    • Marie dit :

      Ich habe ‘bildungsfern’ auch so verstanden, dass es Leute betrifft, die aufgrund des Elternhauses, der Finanzen oder der Werte und Unterstützung die es erfährt, einen schwierigeren Zugang zu Bildung haben. Und trotz allem sind das leider häufig Kinder aus Familien wie oben beschrieben. Dass Frau Stamm ein erfreuliches Beispiel ist, dass es auch anders laufen kann, ist toll!

  • Iain Campbell dit :

    An für sich ist Frau Stamms Botschaft richtig, aber die Malaise geht tiefer. Der Stellenwert, der Eltern Bildung beimessen, ist entscheidend für die akademischen Chancen derer Kinder, und hier in der Schweiz happert es. Viel zu viel « Büezer-Familien » – « bildungs(system)ferne », wenn Sie wollen – ünterstützen ihre Kinder zu wenig oder gar nicht. In der Schweiz wird tertiäre Ausbildung zu wenig geschätzt und ein Ergebnis ist, dass Kaderleute importiert werden müssen. Wieso werden Politiker gewählt,, die bei Ausbildung sparen wollen, damit die Gutsituierten weniger Steuer zahlen müssen?

    • Martin dit :

      Trotz tertiärer Ausbildung verstehen sie das Schweizer Bildungssystem nicht. Gerade Sie beweisen, dass ein Hochschuldstudium nur einer von vielen möglichen Wegen ist sich zu Bilden und es ist gewiss nicht die effizienteste Art sich zu bilden. Unsere Berufslehren sind mit einem Bachelorabschluss zu vergleichen. Auch wenn sie leider nicht so genannt werden. In der Schweiz haben wir wie im Ausland auch fast 80% Hochschulabsolventen, sie müssen nur die Berufslehre als Hochschulstudium akzeptieren.

    • Roman Günter dit :

      Die tertiäre Ausbildung bedient Erwartungen. Auf der einen Seite an die fachliche Kompetenz und auf der Gegenseite für finanzielle und soziale Anerkennung. Idealerweise befinden sich beide Erwartungen in der Balance. Werden aber immer mehr Menschen mit tertiärer Ausbildung für Arbeiten rekrutiert, welche anf. einen tieferen Ausbildungsstand benötigen, ist diese Balance im Ungleichgewicht. Durch die tatsächliche oder scheinbare Überqualifikation, sind diese Menschen meist weniger bereit, zusätzlich Leistung und Lernbereitschaft aufzubringen und sind dadurch eine Effizienz- und Inovationsbremse.

    • Blanche Wu dit :

      Aber hier fängt ja der Trugschluss bereits an!
      Warum ist jemand mit einer Uni Laufbahn gebildeter als ein Malermeister? Warum? Erklären sie es mir. Ich kenne viele Arbeiter welche sich Privat in Geschichte, Philosophie, etc. weiterbilden und daneben einer normalen Arbeit nachgehen. Man kann diesen Menschen keine bildungsferne unterstellen.
      Die Annahme, dass ein Besuch einer Hochschule mehr für die Bildung tut als wenn man nur eine Lehre macht zeigt schon eine gewisse Arroganz. Bildung geschieht nicht nur an der Uni, FH. Auch ein Bauarbeiter kann intelligent und gebildet sein.

      • Martin Kalt dit :

        Ein « Meister » ist im Tertiären Berufsbildungsbereich angesiedelt in der Schweiz, konkret Tertiär B.
        Rudolf Strahm fordert schon länger Titel « Professenial Bachelor » oder « Bachelor HF ». Das wäre mal ein Ansatz.
        Ebenfalls für irreführend halte ich die angebliche Korrelation von höchster erreichter Berufsausbildung und « bildungsnähe ». Es gibt viele Menschen, die den Weg für eine Berufsbildung an der Hochschule auch hätten gehen können, er erschien ihnen aber aus verschiedenen Gründen nicht unbedingt erstrebenswert.
        Hochschulbildung ist nicht in jedem Fall gleichbedeuten mit Intellekt

  • Urs Meier dit :

    Schön, dass Sie persönlich so ein Glück hatten.
    Leider hat es scheinbar für noch mehr Bildungsnähe oder gar ein Soziologie-Studium dann doch nicht gereicht, sonst wüssten Sie aus jahrzehntelanger Sozialforschung, dass der Bildungserfolg eng mit dem (schichtspezifischen) Bildungsstand der Eltern korreliert – und Ihr Bildungsweg leider nur eine krasse Ausnahme darstellt.
    Doch die Tatsache, dass Sie Glück und Erfolg nicht differenzieren können und eine ultraliberale Sichtweise hier reflektionsfrei perpetuieren beweist zumindest dass Sie nun zum halbgebildeten Establishment gehören.
    Glückwunsch!

    • Erich Ed. Müller dit :

      @Urs Meier. Sie kolportieren Kilschees und Voruteile, die längst überholt sind. Zwischen schichtspezifischer Bildung der Eltern gibt es gar keine Korrelation Herr Meier. Und bildungsspezifisch ist heute gottseidank auch nichts mehr. Jemand mit Doktortitel wird heute gleich behandelt wie jemand ohne. Was Sie das schreiben ist also längst ein alter Hut. Und wenn Sie hier gezielt überflüssig und unnötige Fremdwörter einfügen (reflektionsfrei perpetuieren), so lässt das auch an ihrem Bildungsstand zweifeln, denn echt gebildete verstehen es, sich für jedermann verständlich auszudrücken.

      • Christoph Bögli dit :

        Worauf basiert Ihre Behauptung? Studien zeigen nach wie vor recht deutliche Zusammenhänge zwischen dem sozialen Hintergrund und dem schulischen Erfolg eines Kindes, etwa in Deutschland: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/bildung-in-deutschland-chancengleichheit-waechst-nur-langsam-12242136.html
        In der Schweiz dürfte das nicht viel anders sein. Höhere Bildung ist und bleibt weitgehend jenen vorbehalten, deren Eltern selbst gebildet und besserverdienend sind, während die « bildungsfernen » Milieus diesen Zustand gemeinhin über Generationen beibehalten.

        • Martin Frey dit :

          Die spannende Frage ist natürlich die nach dem Huhn und dem Ei, Hr. Bögli. Denn wie beim Nikotinkonsum ist auch der Bildungszugang auffällig milieuabhängig. Gerade in einem Land wie der CH mit zwar existenten aber relativ flachen und vergleichsweise durchlässigen sozialen Schichten, sowie relativ ungehindertem Zugang zum Schulsystem, ist dies doch frappant. So sind z. B. auch teils eklatante Unterschiede bei der Gymiquote der verschiedenen Ausländergruppen auszumachen. Mit anderen Worten, ist der Zugang doch erschwert, oder sind andere Faktoren mitentscheidend?

          • Flori Antha dit :

            @Frey: Wie kommen Sie darauf, dass der Bildungszugang in der Schweiz relativ einfach sei? Im internationalen Vergleich zählt die Schweiz zu den eher hierarchischen Ländern mit relativ schlechten Aufstiegschancen für Kindern von Eltern mit tieferen Bildungsabschlüssen.

          • Martin Frey dit :

            Auch an dieser Stelle möchte ich Sie, Flori Antha, bitten, diese Behauptung zu belegen.
            Zur sozialen Mobilität im internationalen Vergleich gibt es Studien. Die besagen etwas anderes.

          • Sportpapi dit :

            relativ ist halt relativ. Tatsache ist, dass die Durchlässigkeit auch in der Schweiz nicht so ausgeprägt ist, wie man sich das wünschen würde. Und sie nach meinem Wissen eher abnimmt.

          • Martin Frey dit :

            Und weshalb denken Sie, ist das so, Sportpapi?

  • Marty Barth dit :

    Ich bin nicht Linguist. Dennoch frage ich mich: wieso die Herumreiterei auf Worten. Jeder weiss was mit « bildungsfern » gemeint ist. Das Wort ist meines Erachtens in keinerlei Hinsicht degorativ. Wieso jetzt « bildungssystem fern ». Das schürt nur die Rechte uns als  » intelell » abzutun.
    warum sich Frauen in der Wirtschaft immer noch nicht durchsetzen können/wollen ist für mich die viel interessantere Frage/Debatte. Bravo dass Sie mit 50 noch habilitierten. Ich denke mit 54 schon an die Frühpension.

  • Chris Müller dit :

    Sehr geehrte Frau Stamm. Gratuliere zu Ihrem beruflichen Werdegang. Ich teile mehrheitlich Ihre Meinung. Meiner Meinung nach schenken Sie einem zentralen Punkt zu wenig Beachtung. Erfolg beginnt im Kopf und der unbändige Wille zur Erreichung eines Zieles ist unabdingbar. Ich empfehle das Buch « Talent is overrated » (Talent wird überbewertet). Es zeigt anhand einiger hervorragenden Beispielen von Spitzensportlern und anderen Ausnahmeerscheinungen, dass am Schluss nur derjenige Erfolg haben wird, der gewillt ist aus der Komfortzone auszubrechen und die Extrameile zu gehen.

    • Hannes Müller dit :

      Danke, das dachte ich auch, als ich den Artikel las. Es kommt in unserem Staat vor allem auf einen selber an, und den Erfolgswillen kann man niemandem einreden.

      Gerne geht auch vergessen, dass bildungsfern unabhängig von bildungsbewusst ist. Meine Eltern waren bildungsfern, aber es war ihnen klar, dass Bildung ind Ausbildung etwas Gutes ist.

  • Henri Brunner dit :

    Der Artikel erinnert mich an meine eigene Schulzeit – auch ich wurde von zwei Lehrern « erweckt ».
    Und gemäss der erwähnten Klassifizierung wären ich wie wohl alle meine Mitschüler bildungsfern gewesen – wobei mir nun sowieso schleierhaft ist, was ein eigenes Zimmer und ein eigener Schreibtisch mit Bildung zu tun hat.
    Ganz abgesehen von all dem: heute wird das Wort « bildungsfern » primär von politisch linksstehenden Kreisen verwendet, um andere, unliebsame politische Standpunkte zu verunglimpfen.
    Vielleicht sollte PISA redefinieren: Wer andern Bildungsferne unterstellt, ist bildungsfern …..

  • maia dit :

    Für mich waren sie und ihre Eltern überhaupt nicht bildungsfern – sonst hätten sie ihnen kaum erlaubt in die Bezirksschule und nachher ins Lehrerseminar zu gehen.

    • Marie dit :

      Da kann ich nur zustimmen.
      Als ich ans Gymnasium ging, hiess es von Seiten meiner Verwandtschaft: Dein Bruder macht wenigstens was anständiges, eine Lehre. Aber du hast ja auch nach 4.5 Jahren noch nichts. Und ausserdem kostet das ja nur!
      Kein Wunder, habe ich die Kanti nicht abgeschlossen …

  • Ulrich Konrad Schweizer dit :

    So habe ich bildungfern nie verstanden. Zu meiner Zeit hatte ich Schulkollegen aus einfachsten Kreisen, welche zu den besten gehörten. Bildungsferne gab es dazumal kaum. Es herrschte der Tenor, unser Kind solle es einmal besser haben. Heute gib es aber Eltern, welche ihre Kinder nie zum Lernen anhalten. Zum Teil denken sie wohl, dass ihr Sohn ohnehin Sozialhilfeempfänger werden soll. Oder sie begründen offen, dass ihre Tochter ohnehin heiraten werden, also keinen Beriuf brauche. Dafür steht der Begriff bildungsfern.

    • Blanche Wu dit :

      Trotzdem kann so eine Situation auch in einem Elternhaus vorkommen, wo man denkt die Eltern seien gebildet. Dies geschieht nämlich dann, wenn die Eltern sich nicht für ihre Kinder interessieren. Der Vater will zwar den Sohn ins Gymnasium prügeln, aber wirkliche Unterstützung kriegt er nicht. Wenn dann die Noten schlecht sind, das Gymnasium wird abgebrochen und der Sohn macht dann eine Lehre als Bäcker, ist er das schwarze Schaf der Familie, welche den guten Ruf in den Schmutz zieht.

  • Hanspeter Amstutz dit :

    Frau Stamms Biografie ist ein schönes Beispiel für eine ermutigende Pädagogik. Als Reallehrer war es geradezu meine Aufgabe, die Potenziale der Jugendlichen zu entdecken und zu fördern. Zwar habe ich oft schon nach zwei Wochen bemerkt, wo die Talente liegen, aber wie die Jugendlichen damit umgehen, war dann die entscheidende Frage. Viele haben die Chance gepackt, aber nicht alle. Das Elternhaus spielte dabei insofern eine Rolle, als Werthaltungen im erzieherischen Bereich den Bildungsprozess der Jugendlichen stützten. Wie viele Bücher zuhause in den Regalen standen, war nicht entscheidend.

  • Meiner Ulmann dit :

    Vor gut 40 Jahren hatte eine grosse Mehrheit der Jugend gezielt die Arroganz des Establishment ins Visier genommen.
    Die heute (abwertend) mit Begriffen wie « bildungsfern » und « sozial schwache Herkunft » stigmatisierten Mitmenschen
    waren damals schlicht und einfach die “die Unterprivilegierten »

  • Raffael Tondeur dit :

    Mit dem Begriff « Bildungsferne » wird im schulischen Kontext in der Regel die familiäre Nähe bzw. Ferne zum schulischen Bildungskontext verstanden, was die Grundlage zu spezifischen Fördermassnahmen sein kann und soll. Bildungsferne meint hier, dass die Herkunftsfamilie dem Kind nur unterdurchschnittlich viele Hilfestellungen in Bezug auf die komplexe Schullaufbahn bieten kann. Die Stigmatisierung eines Kindes in der Schule über die sog. Bildungsferne war und ist nie das Ziel der Volksschule, die gerade in der Schweiz unglaublich intensive Anstrengungen zur Individualförderung unternimmt!

  • Es könnte meine Lebensgeschichte sein.Nur hatte ich von der 3. Primarklasse bis zum Lehrerseminar durchgehend Lehrer, die trotz meiner schäbigen Kleidung meine Lernfähigkeit durchschaut und 12 Jahre lang hartnäckig eingefordert haben. Auch dass mich meine Eltern auch noch mit einer überstrengen Gläubigkeit und einem entsprechend unreflektierten Missionseifer ausgestattet haben, hatte meine Lehrer nicht beirren können. Dafür bin ich ihnen bis heute dankbar.

    • Urs Baumann dit :

      Leider hatte ich da weniger Glück, in den 60Jahren war der Lehrer eine Respektsperson, dass wurde leider viel missbraucht, auch Schläge waren noch erlaubt. Der Schulbetrieb erlebte ich als Repression und von psychischer und physischer Gewalt. Beim schlimmsten Mobbing der Mitschüler schaute man weg. In meiner obligatorischen Schulzeit habe ich kein Lehrer erlebt der mir nachhaltig in Erinnerung geblieben wäre. Vielleicht einer der mir menschlich noch nahe stand. Er war noch sehr jung der Name Hanspeter Feller Schuljahr 1967 vielleicht liest er das

  • Sportpapi dit :

    Hm. Bildungsfern ist doch eine Kategorie für die Forschung, die gar nicht anders funktionieren kann, als Menschen nach bestimmten Eigenschaften zu Gruppen zusammenzufassen. Ist das eine Stigmatisierung? Und: Weshalb soll ein Lehrer in den ersten 14 Unterrichtstagen merken, welche Kinder « bildungsfern » sind? Ausser an ihren Aussagen, Leistungen, etc.?

  • Urs Baumann. dit :

    Das WORT Bildungsferene drückt Arroganz und Ignorranz gegenüber einer weitgehend benachteiligten Bevölkerungsgruppe aus. Auch in der Bildung wird denen gegeben die schon viel haben und der Gruppe die wenig hat noch mehr weggenommen. Viele Studien zeigen wie schlecht es in der Schweiz bestellt ist um die Chancengleichheit in der Schule. Ich selber hatte ein unglaubliches Pech, durch einen Unfall mit fünf Jahren mit einer schweren Gehirnerschütterung und die schlimmen Folgen der Jahre darauf war ich prädestiniert für ein Mobbingopfer. In den 60 Jahren war man einfach dumm und blöd.

  • Cybot dit :

    Eigentlich ist das Wort gar nicht so schlecht, nur die damit verbundenen Vorurteile. Ich verstehe unter « bildungfern » eben nicht « ungebildet », sondern jemand, der schlechtere Startbedingungen hat. Um auf das gleiche Bildungsniveau wie ein Akademikerkind zu kommen, muss ein « bildungsfernes Kind » eben anderswo als bei den Eltern mehr Bildung mitbekommen. Wieviel Glück dazu gehört, das zu schaffen, zeigt die Geschichte von Fr. Stamm ja deutlich. Wenn man also etwas ändern will, dann nicht den Begriff, sondern den Umgang mit diesen Kindern.

    • Blanche Wu dit :

      Nur wer sagt, dass ein Akademikerkind ein hohes Bildungsniveau hat? Was verstehen wir denn unter Bildung? Wenn ich Studenten antreffe, welche nicht analysieren, reflektieren und selbstständig denken können gehe ich bei denen von einer geringen Bildung aus. Da kann noch die ganze Familie aus Akademiker bestehen und da kann dieser Student auch an den besten Schulen gewesen sein. Wenn er nach dem Studium nicht fähig ist, ist er nicht fähig. Da kann am Schluss jemand mit einer Berufslehre besser gestellt sein als ein Akademiker. Nur weil ich die Uni besuche, bin ich noch nicht gebildet.

      • Hannes Müller dit :

        Mit Akadamiker-Eltern hat man hingegen eine bessere Suada und weiss auch besser, welche Regeln so gelten. (Ausnahmen gibts in alle Richtungen)

  • Friedli Fritz dit :

    Der Begriff « bildungsfern » ist überhaupt nicht politisch korrekt, sondern offenbart aus meiner Sicht eine unglaubliche Arroganz: Alle, die nicht dem Bildungsideal des europäischen Bildungsbürgertums entsprechen, mit ‘bildungsfern’ zu betiteln, ist, gelinde gesagt, Menschen verachtend.. Ein Eskimo, der nie eine Schule besucht hat, kennt mindestens 30 verschiedene Wörter für verschiedene Schneearten und kann entsprechend differenzieren. Das ist für sein Ueberleben auch wichtig. Das sollte uns bescheidener machen.
    In der Wohnung meiner Eltern gab es nur 2 Bücher: Die Bibel und ein Doktorbuch.

    • Andreas Müller dit :

      Bezüglich der Bildungsferne gehe ich mit Ihnen völlig einig. Die Sache mit dem Schnee ist eine Urban Legend. Da in der Sprache der Inuit z.b. aus “fallender Schnee“ ein einzelnes Wort wird, scheint es sehr viel mehr Worte für Schnee zu geben als in anderen Sprachen. Siehe Wikipedia.

  • Fritz Iv dit :

    Der Begriff hat viel zu sehr eine akademisch-bürokratische Note, um wirklich als Pejorativ im Umlauf zu sein. Abgesehen davon, hat sich – nach all den Bildungsreformen und -revolutionen – die ehemalige « Bildungsferne » sowieso zu einer « Bildungsfeindschaft » gewandelt, die sich bis in die Schichten ausgeweitet hat, die als ehedem « bildungsnah » galten. Jeder Lehrer kann ein Lied davon singen – wenn 6-jährige Kinder ein eigenes TV-Gerät haben, können im Wohnzimmer die Wänder mit Büchern gepflastert sein – das hilft gar nichts. Das Bildungsschicksal hängt heute an unterschiedlichenErziehungsstilen.

  • Eva A. dit :

    In meiner langen beruflichen Laufbahn, zwar nicht als Akademikerin, aber als gut ausgebildete Fachperson, habe ich mehrheitlich mit akademisch gebildeten Leuten gearbeitet. Bis heute habe ich noch nie jemanden getroffen, der über die selbe Allgemeinbildung verfügt wie mein Vater, der als Handwerker tätig war. Sein Wissen über Geschichte, Kunst, Geografie, usw. entnahm er unzähligen Sachbüchern, Enzyklopädien, usw. Selbst mit 80 Jahren konnte er noch lange Passagen aus Goethes oder Schillers Werken rezitieren. Das eigentliche Klischee ist, dass Arbeiterkinder bildungsfern aufwachsen!

    • Urs Bauman dit :

      Liebe Frau A
      Das kann ich nur bestätigen. Zur Bildung gehört auch Empathie. Mein Vater war Verdingbub dank einem Lehrer im tiefsten Emmenthal, der an ihn geglaubte und ihm eine Berufausbildung ermöglichte. Er hatte unglaubliches Glück einen Lehrer mit Empathie gefunden zu haben

    • Christoph Bögli dit :

      Damit zeigen Sie bloss, dass auch eine « gut ausgebildete Fachperson » oft nicht fähig ist, zwischen Einzelfällen, verzerrten Beobachtungen und Anekdoten auf der einen Seite und Statistik auf anderen zu unterscheiden. Nichts gegen Ihren Vater, aber der ist halt schlicht nicht repräsentativ. Und vermutlich in dieser Form erst noch ein Anachronismus. Denn die stärkeren sozialen Zwänge in der Vergangenheit haben eher noch zu Fällen von wissbegierigen Menschen geführt, die nicht studieren konnten/durften und damit zu autodidaktischen Arbeitern wurden. Heute dürfte das kaum noch vorkommen..

      • Urs Baumann dit :

        Sehr geehrter Herr Bögli
        Der erste Teil ihres Kommentar empfinde ich kalt und arrogant und überheblich, dem zweiten Teil kann ich Ihnen beipflichten

  • Bänninger dit :

    Bestes Beispiel dafür dass das Wichtigste was ein Lehrer seinen Schülern mitgeben kann, ist weder Wissen noch Erfahrung sondern Begeisterung.

  • Teofilo Folengo dit :

    Ich wollte in diesem Zusammenhang auf die « Bürgerwissenschaft » hinweisen. Eine äusserst spannende Entwicklung, bei der Laien zum wissenschaftlichen und technischen Fortschritt beitragen, indem sie z.B. therapeutische Moleküle an Zielproteine auf ihrem iPad docken, und viel mehr. Wie Einstein wahrscheinlich nie gesagt hat, « Science is the most exciting thing you can do with your pants on ». Siehe: http://www.uzh.ch/news/articles/2015/forschungsplatz-zuerich-setzt-auf-buergerwissenschaft_en.html

  • Meines Wissens galt bisher als bildungsfern, wer politisch nicht links steht.
    Ist dies nicht mehr so?

  • Bea Rickenbacher dit :

    Mein Vater war Akademiker (sein Vater war übrigens Sattler- und Tischler). Durch ihn habe ich Einblick in ein Milieu erhalten, das viele Menschen nährt, die vollgestopft mit Schulbildung sehr lebensfern Titel nachrennen. Da habe ich erkannt, dass viele einfach nur Erlerntes nachplappern. Man kann Bücherwissen wie Geld anhäufen. Aber man kann es nicht mit ins Grab nehmen.
    Und die Gefahr ist gross, dass man beim Sammeln sozial total inkompetent wird.
    Das ist Bildungsferne!

  • Seraphim Weibel dit :

    Frau Professorin unterscheidet nicht zwischen ihrem Einzelschicksal und jenem der sozialen Schicht aus der sie stammt. Bildungsfern ist ein soziologischer Begriff und heisst übersetzt: Sind die Eltern wenig gebildet (Ausbildung, erreichter Status, weiterbildung etc.) ist die WAHRSCHEINLICHKEIT gross, dass ihre Kinder ebenfalls eine tiefere Ausbildung haben, mehr psychische Probleme und weniger beruflichen Erfolg. Das hat nichts mit der Intelligenz der Eltern oder der Kinder zu tun.
    In der Schweiz wird hart daran gearbeitet ein möglichst durchläsiges Bildungs- und Berufssystem zu erarbeiten.

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