Im Katastrophenmodus

Zermatt ist eingeschneit. Via Luftbrücke werden einige wenige ausgeflogen. Foto: Philippe Mooser (Keystone)

Um Ereignissen den notwendigen Aufmerksamkeitsdrill zu geben, empfiehlt es sich, diese in den Stand einer Katastrophe zu heben. Obwohl jährlich weit über 200 Menschen auf unseren Strassen sterben, spricht niemand in diesem Zusammenhang von einer Katastrophe. Dies, obwohl die Gefahr, auf Schweizer Strassen zu sterben, real und beachtlich ist. Hingegen braucht es nur einen heftigen Murgang oder ein paar Schneeflocken zu viel und die Katastrophe ist auch ohne Tote perfekt. Davon zeugen die Schlagzeilen der letzten Tage in der nationalen und internationalen Presse. Die heftigen Regen- und Schneefälle generierten Überschriften wie «Die Schweiz versinkt im Schnee», «Jetzt drohen Riesenlawinen» oder «Ausnahmezustand in den Alpen». Insbesondere bei Naturereignissen besteht eine Tendenz, diese so lange mit angsteinflössenden Attributen zu versehen, dass es uns ganz natürlich erscheint, diese als Katastrophe wahrzunehmen.

Schuldige werden gefunden

Ist ein Ereignis einmal als Katastrophe definiert, dann geht ein ritualisiertes Prozedere vor sich. Zuerst kommt es zum «Blame Game». Was spielerisch tönt, ist jedoch meist eine todernste Angelegenheit: die Suche und die Benennung der Schuldigen an einem Extremereignis. Daran beteiligen sich gerne Stammtischgänger, Experten und Kommentatoren bis hin zu Politikern. Mit anderen Worten, fast alle. Dementsprechend gross ist die Breite der Interpretationen.

Fast gleichzeitig erfolgt die Politisierung. Exekutivmitglieder wie Regierungsräte oder Bundesräte nutzen die Gelegenheit, um ihr Biotop zu verlassen. Dann schnallen sie sich die Gummistiefel an und zeigen sich öffentlichkeitswirksam als besorgte Mitbürger mit der Lizenz zum Helfen. Diese Möglichkeit steht den wenigsten Legislaturmitgliedern wie Kantonsräten oder eidgenössischen Parlamentariern offen. Aber die sind so gewieft, dass auch sie einen Weg finden, daraus Kapital zu schlagen. Da werden Vorstösse gleich im Dutzend eingereicht und alle möglichen Sofortmassnahmen gefordert. Besonders dreist treiben es oft ausgerechnet die Bergler. Der wohl berühmteste Walliser Slalomfahrer nach Silvan Zurbriggen, der ehemalige CVP-Präsident Christophe Darbellay, hat es vorgemacht: Mal proklamierte er die CVP als einzige bürgerliche Partei, die sich konsequent für den Klimaschutz einsetze. Mal half er mit, die CO2-Gesetzgebung zu verwässern.

Die nächste Runde

Schliesslich folgt die Phase der Verdrängung. Wenn die gröbsten Symptome einmal bekämpft sind, dann mag sich die Politik nicht mehr so recht um eine nachhaltige Bewältigung von Naturereignissen kümmern. Dann kann man sich getrost um so dringliche Appelle, wie sie jüngst die SP in einem Vorstoss lanciert hat, foutieren. Darin forderte sie vom Bundesrat, dass in Sachen Klimapolitik «rasch und entschieden zu handeln ist, bevor es zu spät ist». Deshalb geht auch bei der nächsten, grösseren «Naturkatastrophe» das gleiche Spiel wieder von vorne los – mit absehbarem Ende.

5 Kommentare zu «Im Katastrophenmodus»

  • werner boss sagt:

    Pravo! Für diesen guten Beitrag! Der war überfällig nach dem die allerletzte Schneeflocke hochkant auf die vorherigen in der senkrechten gemessen an einem Steilhang mit 100% Gefälle zu “ fantastischen“ Werbewerten führte.
    Doch Spass bei Seite, was sich da in den Alpen abspielt, ist keineswegs von der leichten Seite zu nehmen, wer da nun meint mit einem positiven Aspekt unserer Zeit Werbung zu machen, der hat schlicht gar nichts verstanden!

  • Sportpapi sagt:

    Ist das jetzt eine Medienkritik? Oder eine Politikkritik?
    Und ist es denn korrekt, wenn man schon so allgemein schreibt, als einziges Beispiel den Darbellay herauszugreifen?

  • Christoph Mayer sagt:

    Wie würde die Berichterstattung ausfallen, wenn es überhaupt keine ONLINE-Medien gäbe ? Wie würde die Berichterstattung ausfallen, wenn die Zeitungen auf die Errichtung sogenannter NEWS- DESK verzichten könnte, wo 1 Redaktion für die ONLINE- und PRINT-Version verantwortlich ist ? Wie würde diese Bericht-erstattung aussehen, wenn es keine Mantel-Redaktionen gäbe, wo ich das Risiko habe die genau gleichen Beiträge sozusagen stereo lesen zu können ?

  • Röschu sagt:

    März 2017: Strasse nach Bristen wird verschüttet. Das kleine Urner Bergdorf bleibt für Wochen von der Aussenwelt abgeschnitten, da es offenbar nicht möglich ist die Strasse schneller zu räumen.
    Januar 2018: Strasse nach Adelboden wird verschüttet. Innert Stunden (!) wird die Strasse wieder fahrbar gemacht, denn man will ja nicht den lukrativen Ski-Weltcup-Zirkus verärgern.
    .
    DAS ist der Skandal bezüglich ‚Katastrophen‘ und nicht die sensationsgeilen Medien oder die heuchlerischen Politiker – an diese hat man sich ja längst gewöhnt…

    • werner boss sagt:

      Zwischen Bristen und Adelnden bestanden wohl bautechnisch schon noch gewisse Unterschiede, trotzdem zeigen die beiden Beispiele auf, wie unterschiedlich das Mensch- sein an den beiden Orten gewertet wird. Ich persönlich würde mich trotz allem eher für Bristen entscheiden.

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